Dialog und Vorbild

Als Leitlinie für meine Kommunikation wende ich folgenden Test an: würde ich zu meinem besten erwachsenen Freund genauso sprechen?  Stellen Sie sich folgendes Szenario vor:

Sie sind mit Ihrer besten Freundin einen trinken. Ihre Freundin hatte einen schweren Tag und beklagt sich, dass es ihr nicht gut gehe.

Und Sie sagen:  „Jetzt stell Dich mal nicht so an, so schlimm war das auch nicht!“

Was würde ihre Freundin wohl zu dieser Reaktion sagen? Glauben Sie, dass sie noch öfters mit Ihnen ausgehen würde?

Sie glauben nicht, dass jemand so mit Menschen spricht? Ersetzen Sie in diesem Beispiel ihre beste Freundin in der Bar durch ein weinendes Kind im Sandkasten.

In der Kommunikation mit Kindern gilt es den gleichen Respekt zu wahren, wie mit einem Erwachsenen.

Ich achte in meiner Kommunikation mit Kindern immer darauf, ihnen das Gefühl zu vermitteln, dass sie „richtig“ sind und dass ich sie als Menschen respektiere. Ich muss ihnen in einem Dialog vermitteln, wo meine Grenzen sind. Wenn wir eine gute Beziehung haben, werden sie meine Grenzen respektieren. Das ist ein völlig anderer Ansatz, als ihnen zu zeigen, wo ihre Grenzen sind. Das erste ist gleichwürdig. Das zweite demütigend und fordert Widerstand heraus. Wie würden Sie als Erwachsene denn reagieren, wenn jemand zu Ihnen sagt, er müsse Ihnen jetzt wohl mal erklären, wo Ihre Grenzen sind? Kooperativ oder ablehnend?

Dieser Dialog ist ein fortlaufender Prozess. Über viele meiner Grenzen weiß ich als reflektierter Mensch Bescheid (z. B. ich will nicht, dass in meiner Wohnung geraucht wird. Ich mag es nicht, wenn Leute ungerecht, respektlos und unhöflich sind, etc.) und kann sie spontan und glaubwürdig vertreten. Andere Grenzen bemerke ich eventuell erst, wenn sie überschritten werden und ich habe noch nie über sie nachgedacht. Dann ist es ehrlich und authentisch zu sagen: „ich weiß nicht warum, aber an Deinem Verhalten / Deiner Ansicht stört mich was. Ich muss darüber nach­denken, was es ist.“ Oder „ich weiß nicht, wie ich dazu stehe. Ich muss darüber nachdenken.“ Daraus lernen Kinder, dass Erwachsene auch nicht allwissend sind. Das stärkt ihr Selbstwertgefühl und zeigt ihnen zugleich Lösungsmöglichkeiten, die sie in eigenen Konflikten anwenden können.

Letztendlich glaube ich, dass Kinder nur am Beispiel lernen. Um das als „pädagogisches Konzept“ nutzen zu können, muss ich zum einen wissen, was ich entwicklungs­mäßig in welchem Alter von einem Kind erwarten kann. Ein Einjähriger wird nicht sauber mit dem Löffel essen können, egal wie interessiert er mir auch beim Essen zuguckt. Das heißt, dass ich zulassen muss, dass er in dieser Zeit beim Essen eine ziemliche Sauerei veranstalten wird – und dass jeder Löffel, der tatsächlich im Mund landet, ein Grund zum Feiern ist. Nicht, dass alles was daneben geht ein Grund zum Meckern ist.

Zum anderen bedeutet es, dass ich mit gutem Beispiel voran gehen muss. Ich muss und kann dabei nicht perfekt sein – nur ehrlich und respektvoll.

Auf das Beispiel mit der Kugel Eis angewandt: ich halte pseudo-pädagogischen Belehrungen wie: „Nein, Du weißt doch, dass zu viel Eis ungesund ist und außerdem hast Du dann nachher beim Mittagessen keinen Hunger mehr!“ nicht für kindgerecht und nicht für gleichwürdig. Zu viele Worte. Unklare Begriffe (was ist „nachher“?) Und dann noch herablassend. Die Botschaft, die beim Kind ankommt ist: „Bla bla bla. Du bist zu dumm, das selber zu entscheiden. Ich weiß es besser. Bla bla bla.“

Ich kann aber sagen: „Nein, mein Schatz, ich will nicht, dass Du noch ein Eis isst.“ Und „Ja, ich kann verstehen, dass Du mich jetzt für blöd hältst, das ist dann eben so.“ Das ist ein liebevolles „Nein!“, denn es verletzt nicht das Selbstwertgefühl des Kindes und macht es nicht zum Schuldigen des Konfliktes.

Wenn ich jeden Tag etwas Gesundes einkaufe, koche und dann mit den Kindern esse, werden auch die Kinder lernen, was eine gesunde Ernährung bedeutet. Sie lernen, dass Eis mal eine gesunde Leckerei bedeutet, aber eine Hauptmahlzeit nicht ersetzt. Und sie werden sehen, dass ihre Tagesmutter einem Stück Pflaumenkuchen nicht widerstehen kann und den auch mal statt Gemüse isst. Nur wird sie dabei nicht sagen: „Erwachsene dürfen das eben manchmal, aber Kinder nicht!“ sondern eher: „ich weiß, besser wäre es, den Brokkoli zu essen! Und morgen mach ich das auch wieder. Aber heute ess’ ich mal Pflaumenkuchen. Da hab ich eine Schwäche für.“

Regeln – wie in „Das tun wir hier nicht!“ oder „Alle machen das hier so!“-   halte ich dagegen  für eine sehr primitive Art der Führung.  Wahrscheinlich braucht jede Familie eine Handvoll Regeln um angenehm zusammen zu leben.  Eine Regel bei mir lautet: beim Wickeln wird nicht geturnt, sondern still gelegen! Punkt. Das hilft, Unfälle zu vermeiden und meine Nerven zu schonen.  Aber als Problemlösung oder Dialogersatz funktionieren sie nicht. (siehe auch: http://planet-interview.de/interview-jesper-juul-04082010.html) .

Da ein Kind durch Nachahmung lernt

  • lernt es respektvoll zu werden, wenn man ihm mit Respekt begegnet.
  • lernt es Zuversicht, wenn man es ermutigt
  • wird es gewünschtes Verhalten verstärken, wenn man seine Bemühungen wertschätzt
  • wird es liebevoll werden, wenn es liebevoll behandelt wird
  • wird es Selbstvertrauen entwickeln, wenn man ihm ein Gefühl von Sicherheit gibt
  • wird es gerecht werden, wenn es Fairness erfährt
  • wird es ein gutes Selbstwertgefühl entwickeln, wenn man ihm das Gefühl gibt, wertvoll zu sein.

Das zu Erreichen, ist mein höchstes Ziel und meine Motivation als Tagesmutter zu arbeiten.

 

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