Regeln und Grenzen, Konsequenzen und Bestrafung

Gibt es liebevolle Konsequenzen? Gibt es eine gleichwürdige Art, Kinder zu „bestrafen“? Meiner Meinung nach gibt es das nicht. „Konsequenz“ ist für mich auf nur ein neues, augenscheinlich „politisch korrektes“ Wort für Strafe. Es ist eine „Wenn – dann“ Argumentation. Strafen tut immer der Mächtigere einen Unter­legenen. Eine solche Machtstruktur kann für eine Beziehung zwischen Erwachsenen und Kindern – zwischen Menschen generell – nur schädlich sein. Für beide Parteien. Ähnliches gilt für das Loben. Kommt Ihnen das jetzt merkwürdig vor? Man soll Kindern nicht loben? Ein Beispiel hilft vielleicht zu veranschaulichen, was ich meine. Sie haben Ihrem Freund/Ehepartner/Liebhaber/Besten Freundin ein Abendessen gekocht. Nach dem Essen sagt der oder die Bekochte: „Das hast Du aber fein gemacht!“. Was fühlen Sie? Fühlen Sie sich ernst genommen? Empfinden Sie diese Äußerung als Anerkennung oder Wertschätzung Ihrer Mühe?

Ein Lob ist keine Anerkennung und keine Wertschätzung auf Augenhöhe. Es lobt ein „höheres Wesen“, sprich jemand, der es besser weiß, ein „niederes Wesen“, das angeleitet werden muss. Das ist nicht gleichwürdig!

Ich vertrete die Ansicht von Jesper Juul: Kinder wollen immer kooperieren. Das bedeutet, dass sie alles tun werden, um mit den Personen, zu denen sie eine Beziehung haben, zusammenzuarbeiten. Am ehesten tun Kindern das, was wir von ihnen wollen (früher nannte man es vielleicht: „sind gehorsam“), wenn wir eine gute Beziehung zu ihnen haben.

Wenn sie die Kooperation einstellen, ist das ein Zeichen einer gestörten Beziehung. Dann gilt es rauszufinden, wo das Problem liegt und es zu lösen.

Ermahnungen, Konsequenzen und Bestrafungen und Belobigungen sind Manipulationen. Sie lösen das Problem nicht, weil sie nur die Symptome behandeln und nicht die Ursache beseitigen. Außerdem sind sie – diese Erfahrungen werden viele Eltern vielleicht mit mir teilen – nicht oder nur begrenzt wirksam. Schnell bildet sich ein unheilvoller Kreislauf von Manipulation, Erpressung und Auflehnung.

„Aber Kinder brauchen doch Grenzen!“ Wie oft haben Sie diesen Spruch schon gehört? Bestimmt oft genug, um zu glauben, dass da was Wahres dran sein muss. Ich glaube nicht, dass Kinder Grenzen brauchen  – sie brauchen einen gleichwürdigen Dialog, der so geführt wird, dass er ihre Integrität nicht verletzt.

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